ein durchgekautes thema. ich weiß. aber zur zeit bin ich stark verwirrt. gehen wir zu weit mit unserem anti-stolz? mit unserem selbstkritischen blick, der mittlerweile alles, was aus deutschland kommt, beäugt und seziert?
wir haben eine schreckliche geschichte, können keinesfalls stolz auf einen großen teil des letzten jahrhunderts sein. dürfen nie vergessen, müssen aus diesen fehlern – es ist so ein schwaches wort für das schlimme – lernen. wir haben eine verantwortung gegenüber europa, der welt. wenn wir merken ein land lässt sich blenden, verliert den blick auf die realität, dann müssen wir, mit blick auf unsere geschichte, zeigen, dass das nicht funktioniert, dass es im blut und schmerz endet und dass es leid bringt – für alle, für lange.
durch diese geschichte beobachten wir uns selbst vor allem mit selbstkritik, mit skepsis, zweifel. wir beobachten uns, unsere nachbarn, kollegen, freunde. wir versuchen zu analysieren und reflektieren, scheitern aber oft an der objektivität. zweifeln sofort an, wenn jemand zu frei zu denken scheint. egal in welche richtung. wir zweifeln, wenn jemand zu glücklich durchs leben geht. vermuten hinter allem ein „irgendwas stimmt da doch nicht“. wir sehen dann vor allem das negative, das bizarre – und haben gleich wieder angst etwas gefährliches zu sehen.
uns ist das „freuen für andere“ verloren gegangen. keine ahnung, ob das in anderen ländern, kulturen, mentalitäten ähnlich ist. mir fällt es hier oft auf. wird jemand erfolgreich, erstrahlt der neid der anderen. scheint jemand zu leicht durchs leben zu gehen, strafen wir ihn ab – „der mache es sich doch zu leicht“.
und ja, ich sehe die gründe da in der zeit der diktatur – wo unsere urgroß- und großeltern einem mann, einer partei, einer idiologie vertraut haben. geglaubt haben – an sich, an ihr land, an ihre kultur, an ihren stolz. dass sie geblendet wurden, hinters licht geführt, dass sie benutzt wurden, das haben wir bis zu meiner generation nicht verkraftet. wir denken nicht zuerst „unser volk hat über sechs millionen juden umgebracht“ – wir denken „wie konnte ein mann ein ganzes volk blenden?“ – eine berechtigte frage, doch gehört sie eigentlich nach vielen anderen, die lange nicht mehr gedacht werden.
nun ist diese zeit erst 70 jahre her. 7 jahrzehnte, so alt werden die meisten von uns. das ist nicht weit weg, das ist beängstigend nahe. alle unsere ängste sind berechtigt, wir sind kinder einer generation, die das – deutlich! deutlich! – allerallerschlimmste getan hat.
es ist vollkommen richtig, dass es uns schwer fällt stolz für unser land zu spüren. wir waren es auch nicht bei der wm vor zwei jahren, wie es viele missinterpretieren. da waren wir stolz auf unsere mannschaft, unseren trainer, unsere spielweise, unsere siege. und wir trugen die deutsche flagge als logo und symbol für das. nicht aus stolz auf unser deutschland.
auch ich war irritiert, vorsichtig, zögernd. es erinnerte mich an den tag als meine oma starb. ich war traurig, habe viel geweint. am abend schaute ich einen film, komödie, und ich konnte lachen – obwohl ich es nicht wollte, ich fühlte mich schmutzig, denn dieser tag verdiente keinen lacher und keine freude. meine geliebte oma war tot, autounfall, und ich habe sie nicht gedrückt, als ich sie das letzte mal sah. so ähnlich fühle ich mich, wenn ich stolz auf irgendetwas „deutsches“ bin. es fühlt sich falsch an – und das ist auch gut. für mich ein zeichen, der geschichtsunterricht hat gewirkt, denn die deutsche weste wird niemals wieder rein sein. das ist unser erbe, unser schicksal, unsere bürde, die wir durch die welt tragen, egal wohin wir reisen.
ich habe keine ahnung, wie ich mich verhalten zu habe, wenn zum beispiel tokio hotel weltweit menschen offensichtlich glücklich machen, mit ihrer musik, mit ihren konzerten, mit ihrem bill und ihrem tom. wer freut sich denn hier für sie? sie werden immer noch als verrückte idioten mit einem schlechten musikgeschmack verteufelt. dabei sind sie der erfolgreichste export seit blümchen und rammstein.
ich weiß nicht, bzw. ich bezweifle, ob mein punkt, den ich mit diesem absatz meine, durchkommt. es ist sicherlich krass verbindungen zwischen dem holocaust, der hitler-zeit und tokio hotel zu ziehen. aber es ist ein problem, das uns beschäftigt. die freude über deutsches.
können wir zum beispiel stolz auf goethe und luther sein, weil sie weit vor der diktatur gewirkt haben? sollen wir in davor und danach aufteilen? ist stolz ein beschmutztes wort, dem, wie „ausländer“, in der deutschen sprache mittlerweile so viel negatives anhaftet, dass wir uns anders artikulieren müssen und auf dieses wort – zum willen der wirkung – verzichten sollten?
machen wir uns die freude, den genuss kaputt in dem wir es mit „stolz“ artikulieren. ist es überhaupt wichtig, ob dinge „deutsch“, „amerikanisch“ oder „skandinavisch“ sind? sollten wir globalisierungsergiebig sagen „die welt kann stolz auf xyz sein“? oder ist die herkunft immer noch im notfall das letzte brauchbare schublädchen, das die medien benutzen können um zu werten?
brauchen wir noch ein deutsches stolz in unserem wortschatz? würden wir uns viele erklärungen ersparen, würden wir es weglassen? oder ist es gut, dass wir auf diesem wege öfter an unsere vergangenheit erinnert werden? würde es uns einfacher fallen, wenn wir einen gedenktag für diese zeit einrichten würden, der uns von der arbeit fern hält – wie der 3. Oktober es im positiven sinne tut – und uns so daran erinnert, dass in diesem land das denkbar schlimmste passiert ist, an dem sich die welt noch zu gut erinnert?
ich werde nie sagen können „ich bin stolz deutsch zu sein“, ich werde mich immer selbst missverstehen. ich habe sogar probleme es hier zu schreiben. ich empfinde stolz für mich, mein erreichtes; stolz für meine freundin, wenn sie etwas großartiges erschafft, dass mich und sie glücklich macht; bin stolz auf meine eltern, die mich richtig geleitet haben ohne, dass ich mich eingeschränkt fühlte. stolz auf meinen arbeitgeber sollten wir uns immer besser gegen die konkurrenz durchsetzen. aber, und das steht für mich fest, ich kann nicht stolz auf dieses land, diese nation sein. denn zu einem land gehört auch eine geschichte – und da haben wir tatsächlich keinen grund stolz zu sein.