letztes jahr war kein einfaches jahr für meinen vater. die ersten woche wegen knie-op krank geschrieben. wiedergekommen. meldung erhalten: betrieb geht in die insolvenz. ärgerliche geschichte. zwischendurch kam es immer wieder zu meldungen, dass es doch geht. dann die gewissheit: der großteil wird entlassen, mit einem sozialplan. drei monate ein anteil lohnfortzahlung, weiterbildung. es war trotzdem erdrückend.
wer in thüringen mit ende 40 arbeitslos wird, bleibt es oft auch. 14,9 prozent quote für ostdeutschland. jeder kennt jemanden, wohnt neben jemanden und wer in arbeit ist, der sagt immer dazu „noch, ja“. optimismus spüre ich da schon lange nicht mehr, wenn ich zu besuch komme. selbst bei denen nicht, die arbeit haben. ich will immer schnell weg.
drei monate später war er wieder in arbeit. ist jetzt zufrieden und froh.
ich sage ziemlich oft: wer wirklich arbeiten will, bekommt auch einen job. für viele lohnt es sich finanziell tatsächlich nicht zu arbeiten, das ist absurd, aber gerade schwer zu ändern. das ist der grund warum das sozialsystem für arbeitslose in deutschland eines der „besten“ ist. die neuen, härteren regeln finde ich gut. aber ich habe gut reden, ich arbeite, verdiene in hamburg mehr als meine eltern in thüringen zusammen.
in vielen gegenden von berlin, sachsen, sachsen-anhalt, mecklenburg-vorpommern, thüringen und brandenburg kann selbst wer wirklich arbeiten will, selbst wenn es für ihn finanziell ein rückschritt wäre, nicht arbeiten. es gibt keine arbeit. nichts zu tun. es gibt nur die couch und die wenigen spaziergänge.
und das deprimierende daran ist nicht unbedingt, dass man kein geld verdient, keinen urlaub machen kann, nicht gut essen gehen kann, sich jahrelang kein kino leistet, nicht mal ins schwimmbad geht, kleidung aus dem second hand laden kauft – und auch das nur im notfall, dass man aufs auto verzichtet, dass man keinen internetzugang hat, dass man seinen kindern nicht vorleben kann, wie es richtig geht.
das deprimierenste ist das gefühl nicht gebraucht zu werden. sich nutzlos vorzukommen. erde öffne dich, verschlucke mich und niemand wird mich vermissen. ein ganzes volk ausgeklammert aus der gesellschaft. es ist wie in der schule immer als letzter in die mannschaften „gewählt“ zu werden. es ist das mitleid, das auf einen herabscheint, die hilflosigkeit. die anderen gehen schon mal vor, die arbeitslosen im osten sitzen noch, warten. aber auf was? blühende landschaften hat man versprochen, soziale marktwirtschaft, kapitalismus, geld, reisen wohin man will. was bringt es, wenn die grenzen offen sind, aber ich es mir nicht leisten kann in die lüneburger heide zu fahren? enttäuschung ist der erste schritt in die depression. enttäuscht von der politik, vom wandel, vom fortschritt, der einen zurück gelassen hat.
dass der frust wächst, dass man sich gegenseitig bestätigt, wie aussichtslos es ist, wie sinnlos, wie „ach..“ und „tja..“ und „haja..“, kann ich zu gut verstehen.
im fernsehen und in der bild-zeitung sieht man die schönen, die reichen, die abzocker, die glücksbringer und ab und an der frustrierte, hilfelose hartz-IV-ossi. und wieder scheint das mitleid auf einen herab, aber nicht mal die bild kann einen job besorgen oder hoffnung spenden. denn es gibt sie zu selten; die geschichten, dass es doch besser wurde, dass doch die arbeit wieder kam, dass der erste urlaub seit langem ansteht. die erde dreht sich und man hat keine kraft mehr mitzudrehen. man bleibt gefangen. 1989.. 1990.. und wünscht sich die jahre zurück in denen arbeit da war, der plattensee mit dem trabi stunden entfernt aber erreichbar, russland eine weltmacht und die usa auch – wie jetzt – verteufelt werden durften. alles für mich verständlich.
aber das schlimmste ist die generation, meine generation, die da mit hineingezogen wird. grundlos. ich habe eine 21jährige leipzigerin kennengelernt. sie ist ausgebildete masseurin. findet in leipzig seit über einem jahr keinen job. ich schaute zwanzig sekunden bei google. masseurin in einem renommierten hotel in hamburg gesucht. ich fordere sie auf, sie solle nach hamburg kommen. sich bewerben. ganz deutschland steht ihr doch offen. mit 21. ausgebildet. selbstständig. auf der suche nach unabhängigkeit.
„als ossi hat man im westen doch keine chance“. ich war zerrisssen, innerlich. ich glaubte zu träumen. dieser spruch aus dem mund meiner generation? nach 18 jahren wende? die frau kannte die ddr nur noch aus erzählungen und sie spricht die worte ihrer eltern.
ich in hamburg. mein bester freund in ba-wü wird lehrer. eine freundin in stuttgart bankkauffrau. ein klassenkamerad in münchen tanzlehrer. „ausnahmen“. nein, ich hätte weinen können, es tat weh. wenn meine generation so denkt, haben wir ein echtes problem. ein massives, ein kopfproblem. kein problem von gesetzen, richtlinien, wirtschaftlichen gegebenheiten. wenn ein junger ostdeutscher mit abgeschlossener ausbildung glaubt, er wird im westen nicht aktzeptiert, haben wir ein integrationsproblem von dem wir vielleicht bisher nichts wussten.
Bin nicht mehr so ganz Deine Generation, hab die DDR noch miterlebt. Was Du schreibst, ist erschreckend, aber Du hast recht. Es steckt noch in den Koepfen drinnen, wird von den Eltern an die Kinder weitergegeben, obwohl die die DDR nicht mehr kennen. Dabei war nicht alles so schlimm. Wer wirklich will, der kann, der schafft auch als Ossi im Westen was. Es ist ja nun schon beinah 20 Jahr her…. Mein gott, die Zeit….
Hast Du gut geschrieben!
Werde oefter mal bei Dir vorbeilesen, wenn Du gestattest.
Gruss von Manu (Erfurterin)