gestern habe ich einer sehr guten freundin eine kurze sms zukommen lassen. habe mich entschuldigt. für diese idioten vor denen sie angst haben muss. vor denen sie angst hat, wenn nachts vor ihrem haus besoffene gröhlen, sprüche bringen. vor denen sie angst hat, wenn sie abends die hundert schritte von ihrem auto zur wohnung läuft.
sie hat einen türkischen namen. er steht an ihrem klingelschild. sie hat geantwortet „ich habe vor allem angst um meine eltern. sie sehen so süß türkisch aus“.
ich lebe gerne hier, habe dieses land nie feindlich gesehen, fühle mich hier wohl, habe die menschen nur nach „sympathisch“ und „unsympathisch“ unterschieden. so subjektiv wie möglich. mir sind geschlecht, hautfarbe, herkunft, selbst denke relativ egal. tut ein mensch niemanden weh, respektiere ich ihn. so einfach mache ich mir das.
im osten, wo ich aufgewachsen bin, 18 jahre gelebt habe, ist das nicht bei allen so. die erste unterscheidung ist oftmals „arbeitslos“ und „noch in arbeit“. aber dann kommt bei vielen ganz schnell „deutscher“ und „ausländer“. ich habe das nie verstanden, ich habe nie das gefühl ausländer nehmen uns die arbeit weg, schaden unserer gesellschaft. jetzt, in hamburg, ist das nicht viel anders. im gegenteil, ich freue mich über jeden , der seine kultur ein stück mitbringt, vor allem beim thema essen. ich esse wahnsinnig indisch, chinesisch, sushi, döner (nicht sonderlich türkisch, ich weiß), schwäbisch, bayrisch, fisch, und mag immer noch wahnsinnig gern die deftige thüringer küche.
die letzten wochen und monate habe ich mir mehr gedanken gemacht. zwangsweise. man wird damit konfrontiert. die medien zwingen einen zur unterscheidung „ausländer“/“deutscher“. kriminelle ausländer, bedrohte ausländer, angezündete häuser mit hohem ausländeranteil. ausländische arbeitslose. dabei gibt es genug kriminelle deutsche, bedrohte deutsche, angezündete häuser mit hohem anteil deutscher. deutsche arbeitslose. sehen wir eher das individuum und andere kulturen schnellere ihre mitmenschen? greift ein deutscher nazi sofort alle türken an, wenn er einen von ihnen krankenhausreif prügelt? vielleicht schon.
ich habe mich nie geschämt für unsere idiotischen nazis. ich benutze auch bewusst nicht, dass wort dumm oder doof. die geschichte dazu: vor einigen jahren, noch in der schule, war ich im skilager. habe mich mit allen gut verstanden. auch mit einem jungen, glatze, bomberjacke, springerstiefel. ich war zu jung um es zu begreifen. irgendwann kritzelte er eine 88 in die tischkante, er hat uns nich verraten, was das bedeutet. ich wusste in dem moment, er ist rechts. er war nett, nicht dumm, hat abi gemacht. er wurde geblendet, mit seinen jungen jahren. ein wenig aufklärung und er wäre umgeschwenkt. ich war mir sicher. ich konnte diese aufklärung nicht leisten, ich war selbst zu unwissend.
mittlerweile schäme ich mich für sie. weil es ein schlechtes, sehr schlechtes licht auf uns wirft. weil es auf uns alle abfärbt. weil in reiseführern anderer länder verständlicherweise steht, dass man bestimmte ecken meiden sollte. und in diese ecken würde ich auch nicht als junger deutscher gehen. denn diese idioten machen dann keinen unterschied mehr. wer prügeln will, prügelt. prügelt er einen deutschen, steht nur nicht mehr die frage nach dem „rasisstischem übergriff“. verprügelt er einen türken, gehen in allen medienhäusern und verlagen die alarmglocken an und die druckmaschinen stellen fragen, die vor allem eins sind: populistisch.
jedoch fragt man sich was schief gelaufen ist. und ich frag mich das gar nicht in sachen integration. integration ist so schwierig, das kann man nicht mit gesetzen, regeln und bestimmungen richten. das ist evolution. das dauert jahrzehnte, ist ein natürlicher prozess, der zur zeit vor allem das problem der ghettoisierung mit sich bringt, das die integration schwieriger macht.
ich frage mich: warum denken immer noch so viele solche gedanken? warum hassen manche menschen aus leidenschaft ausländer? warum würden sie diese immer noch gerne vergasen? was läuft in diesen köpfen falsch? warum gibt es noch heute menschen, die den holocaust leugnen, menschen die nachweislich nicht dumm sind? wo haben wir in deutschland das aufklärungsleck? in der schule? zu hause am küchentisch? im fernsehen? reicht ein guido knopp nicht? reichen drei stunden geschichtsunterricht pro woche nicht? braucht es ein eigenes schulfach? werden tatsächlich – oh schreck – keine werte mehr vermittelt? wovor kirchen, lehrer, sozialpädagogen seit jahren warnen, sind das die ersten auswirkungen?
fehlender respekt, der erste grundsatz „die würde des menschen ist unantastbar“ oder braucht es – noch plakativer – einen aufdruck im reisepass, werbeplakate, spots, pcs mit den worten „behandle deinen nächsten wie du von ihm behandelt werden willst“?
mir machen diese menschen auch angst. im sommer am see, am abend auf der straße, morgens in der ubahn. ich würde sie gerne mitnehmen, auf eine reise in die geschichte. sie mitnehmen ins deutschland 1944. in ein konzentrationslager. zwischen die fronten. zu den soldaten, die gelitten haben. ich will, dass sie es spüren, fühlen, riechen, schmecken. den tod, den hass, das unmenschliche, das schreckliche. mit jeder faser. ich will sie visuell foltern. bis sie leise sind. bis sie alles bisherige bereuen.
es macht mir angst, dass nirgends eine lösung erkennbar ist.